Wilhelm Dietler: Gerechtigkeit gegen Thiere


Wilhelm Dietler: Gerechtigkeit gegen Thiere

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Appell von 1787

»Wir alle gehen mit Thieren um, behandeln und mishandeln sie auf mancherlei Art. Aber wie viele sind unter uns, welchen einmal Zweifel und Bedenklichkeiten darüber sich aufdrangen? Wie viele untersuchten wohl je, oder fragten sich nur im Ernste: Hab ich auch ein Recht, die Thiere so zu behandeln oder zu gebrauchen? worauf sollen sich wohl meine Rechte gegen Thiere gründen? Wie weit erstrecken sie sich? Welche Handlungen gegen die Thiere sind also gut oder boes? recht oder unrecht? Welche sind die sittlichen Verhaeltnisse zwischen Mensch und Thier? So weit gehen wir nicht. Wir streben die aeussersten Grenzen des menschlichen Wissens zu erreichen, und das, was wir zuerst betrachten sollten, würdigen wir keines Blicks. Wie andere vor und neben uns handeln, so handeln wir auch. Daß man auch anderst mit empfindenden Wesen umgehen koenne, als es bisher meistens geschehen ist, daß man seine Gewalt misbrauchen, und Fehler begehen koenne, faellt uns gar nicht einmal ein. Wir verlachen den, als einen Pinsel, der sich so etwas traeumen laeßt, und uns darauf aufmerksam machen will.«

Wilhelm Dietler


Welch toller Wahn!

Bovine spongiforme Enzephalopathie sogar in Bayerns rassereinen Gauen – und allerorten schweres Gebarme, dass es so nicht weitergehe mit der Tierhaltung und Europens Agroindustrie. Ganz neu nachdenken wollen jetzt alle, gerade auch über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Und selbst in den Blättern für das gehobene Räsonnement und Ressentiment, wo man sich sonst gern darin gefällt, alles, was irgend das affröse Wörtlein öko im Namen führt, feixend zu pincenezieren, gibt man sich neuerdings merklich erschüttert und lässt dienstbare Seminaristen dem »Metzger in der Literatur« nachforschen: Schon bei Shakespeare und so weiter.

Dabei: Wer hat sich nicht alles Gedanken gemacht über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier?! Wie viele Philosophen der Antike und Denker der Neuzeit! Nüchterne Biologen, empfindsame Lyriker, kämpferische Romanciers! Darwin sei genannt, Schopenhauer, Zola, Hans Henny Jahnn. Oder Tolstoj: »Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben.«

Ganz neu nachdenken? Tatsächlich? Wie oft denn noch? Gern erinnern wir hier auch an jüngste Mahnungen und Aufklärungen, an Horst Sterns Fernsehfilme zum Beispiel. Oder an Dieter E. Zimmers Artikel in dieser Zeitung gegen den Wahnsinn der so genannten Legebatterien (der selbstverständlich fröhlich weitergeht). Und dito gern halten wir diesen trefflichen kleinen Traktat hoch, den die ASKU-PRESSE, Bad Nauheim, bereits 1997 in einem geradezu pittoresk schön gemachten Bändchen neu herausgebracht hat: Gerechtigkeit gegen Thiere. Verfasst hat ihn 1787, 1787!, der Mainzer Philosophieprofessor Wilhelm Dietler. Obwohl er nun wahrlich nichts von den Monstrositäten unserer Zeit ahnen konnte, zeigt sein »Appell« in trockener Schärfe einmal mehr die Misere.

Ganz im Stil aufklärerischer Abhandlungen, wie sie damals zwischen Paris und St. Petersburg zu Myriaden produziert wurden, wägt Dietler im klaren Lichte der Vernunft jedes Pro und jedes Contra sorgfältig ab. Einerseits, unbestritten: das Recht des Menschen, Tiere zu töten – wenn sie ihn bedrohen und zur Ernährung (schließlich hat auch das Raubtier seinen Platz in der Schöpfung). Gleichwohl sind dem Menschen Pflichten auferlegt. Oder, andersherum: Auch das Tier hat Rechte, nicht zuletzt das Nutztier, das Haustier.

Dietler ist wohl der Erste, der das große Wort niederschreibt: »Thierrechte«. Die Kreatur hat ein Recht darauf, gut behandelt und (selbst im Fall der Schlachtung) nicht gequält zu werden. Dietler nennt englische Autoren seiner Zeit als Wegweiser, Humphry Primatt und Soame Jenyns. Und auch den originellen Glücksphilosophen Jeremy Bentham erwähnt die Herausgeberin des Büchleins, Manuela Linnemann, in ihrem kundigen Nachwort; der schrieb zwei Jahre nach Dietler: »Die Frage ist nicht: Können Tiere denken? Können sie sprechen? Sondern: Können sie leiden?«

Wie anderen deutschen Zeitgenossen, wie Matthias Claudius oder Johann Heinrich Merck ist Dietler besonders die feudale Parforcejagd (und überhaupt jedes Jagd-Vergnügen) ein Dorn im Auge: »Nur die verwahrloseste Gedankenlosigkeit und verwildertste Gefüllosigkeit kann Lust daran finden ...« Seine Argumentation schwankt zwischen franziskanischer Schöpfungsehrfurcht und einem freidenkerischen Pantheismus, der an Goethe denken lässt: »Als ich einmal ein Spinne erschlagen, / Dacht' ich, ob ich das wohl gesollt? / Hat Gott ihr doch wie mir gewollt / Einen Anteil an diesen Tagen!«

Immer wieder kritisiert Dietler anthropozentrische Allmachtsfantasien. Und in einer leidenschaftlichen Aufforderung zur Selbstbesinnung gipfelt sein Appell: »Sollten wir nicht endlich fülen ..., welch toller Wahn es ist, zu glauben, wir seien gebietende Herren der Schoepfung? Wir seien der Mittelpunkt ...? Jene Millionen Welten, jene unendliche Kette von Leben sollte nur wegen des Staubes da sein, der zum Menschen ward? Woher diese leere Einbildung? Kurzsichtige Eigenliebe erzeugte, und gemaechlich dummer Stolz saeugte sie zum verheerenden Ungeheuer!«

Damals war das alles nur eine Debatte unter vielen. Und die meisten Zeitgenossen, Dietler lässt das bekümmert durchblicken, interessierte sie nicht besonders. Heute wissen wir: Von der Beherzigung dieser Lektion, dieses »Appells« hängt das Überleben der Menschheit ab. Falls noch erwünscht.

Benedikt Erenz – DIE ZEIT Nr. 1 vom 28. Dezember 2000


Je älter, umso moderner

Der Verlag ASKU-PRESSE in Bad Nauheim hat einen Text entdeckt und zugänglich gemacht, der über 200 Jahre alt ist, aber heute erst recht gelesen werden muss: Wilhelm Dietlers Schrift »Gerechtigkeit gegen Thiere«. Was der heute vergessene (und wohl damals kaum beachtete) Mainzer Philosophieprofessor seinerzeit im Sinn des Tierschutzes zu Papier brachte, ist so vernünftig und engagiert – wenn auch nicht ganz ohne Widersprüche –, dass man dieses bemerkenswerte und bibliophile Mahnmal höchst moderner Gedanken unbedingt kennen sollte.

E.K.R. – RHEINISCHER MERKUR Nr. 5 vom 2. Februar 2001


92 Seiten – Fadengehefteter Pappband

Verlagsfrisches Exemplar

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