The Kelmscott Chaucer: A Census


The Kelmscott Chaucer: A Census

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Die im Juni 1896, wenige Monate vor William Morris' Tod, in dessen Kelmscott Press erschienene Gesamtausgabe der Werke Geoffrey Chaucers mit 87 Holzstichen nach Entwürfen von Edward Burne-Jones zählt ohne Zweifel zu den Monumenten des Privatpressendrucks. Um es vorweg zu nehmen: die Bearbeiter hatten nicht die Absicht, den zahlreichen Studien, die sich mit der Entstehungsgeschichte von Chaucers ›Works‹ befassen, eine weitere hinzu zu fügen. Es ging den Autoren vielmehr darum, möglichst viele Exemplare des Kelmscott Chaucer nachzuweisen und ausführlich zu beschreiben; ein Zensus eben, der bislang nur herausragenden Werken der Druckgeschichte vom Kaliber einer Gutenberg-Bibel oder Shakespeares First Folio zuteil wurde.

Sydney C. Cockerell gibt in seiner 1898 erschienenen Bibliografie der Kelmscott Press die Auflagenhöhe des Chaucer mit 425 Exemplaren auf Papier und 13 auf Pergament an. Petersons weisen 281 Exemplare auf Papier und 15 (!) auf Pergament nach, davon sieben Papierausgaben in deutschen Bibliotheken, wobei der von Ignatz Wiemeler für Karl Klingspor in Schweinsleder gebundene Foliant im Offenbacher Klingspor-Museum besondere Erwähnung verdient. Wie zu erwarten war, befinden sich die meisten Exemplare in englischen und amerikanischen Sammlungen, allein unglaubliche je vier in Cambridge, Oxford, Austin, Princeton und Berkeley, sogar fünf in Yale.

Was das vorliegende Werk über die bibliografische Statistik hinaus zu einem überaus unterhaltsam zu lesenden Werk macht, ist die akribische Erforschung der Provenienzen und Sammlerbiografien. Das Diktum, dass Bücher ihre Schicksale haben, bestätigt sich auch hier: »Provenance has proven to be not a dull, technical term, but a window into the fascinating human stories that lie behind nearly every copy of the Chaucer.«

Und faszinierend sind die ›stories‹ hinter den Büchern in der Tat, zum Beispiel wie Lawrence von Arabiens Exemplar in den Besitz der Queen's University Library (Kingston, Kanada) gelangte oder wie der irische Schriftsteller W.B. Yeats von 26 Freunden zu seinem 40. Geburtstag einen Chaucer geschenkt bekam, den er zeitlebens auf einem bemalten Lesepult zwischen zwei Kerzenständern als Morris-Schrein aufbewahrte. Yeats' Exemplar befindet sich seit 2002, man wird das als adäquaten Aufbewahrungsort empfinden, in der irischen Nationalbibliothek in Dublin. Besonders die Sammlungsgeschichte der 15 Pergamentexemplare als ›most desirable objects‹ liest sich wie ein ›Who's who‹ der großen, vorwiegend amerikanischen Sammler (nebst einer Sammlerin) des 20. Jahrhunderts: J.P. Morgan, Estelle Doheny, Lessing J. Rosenwald, Paul Getty und William Randolph Hearst. Viele Exemplare wurden von bekannten Buchbindern gebunden, denen 24 Farbtafeln und ein Kapitel mit Kurzbiografien gewidmet sind. Neben dem erwähnten Ignatz Wiemeier und den bereits bei Erscheinen bestellbaren Vorzugseinbänden von J.J. Leighton und der Doves Bindery erscheint ein Ledereinband Kurt Landenbergs für einen Schweizer Privatsammler besonders bemerkenswert.

Ein weiteres Kapitel befasst sich mit im Moment nicht lokalisierbaren Exemplaren des ›Chaucer‹, für das annähernd 800 Auktions- und Antiquariatskataloge ausgewertet wurden. Man darf gespannt sein, was aufgrund der detektivischen Vorarbeiten der Petersons noch ans Licht kommen wird. Zumindest konnten seit Erscheinen des Buches vier weitere Exemplare nachgewiesen werden (nachzulesen im Online-Supplement unter www.kelmscottchaucer.wordpress.com). Für die Provenienzforschung von großer Bedeutung sind die erstmals publizierten Rechnungsbücher des Antiquars Bernard Quaritch, der einen Teil des Vertriebs übernahm, und die über 800 Anschriften umfassende Adressdatei der Kelmscott Press, in der auch einige Kunden aus dem deutschen Sprachraum zu finden sind, zum Beispiel die Antiquariate Joseph Baer in Frankfurt am Main und R. Friedländer in Berlin.

Mit ›The Kelmscott Chaucer. A Census‹ liegt eine Publikation vor, die sowohl als buchhistorisches Lesebuch wie auch als wissenschaftliches Grundlagenwerk verwendet werden kann und insbesondere für die Handbibliothek von Pressendrucksammlern zu empfehlen ist. Jedoch sollen auch einige wenige, aber gravierende Mängel nicht verschwiegen werden: die zahlreichen Rechtschreibfehler in deutschen Texten und der zu nah an den Mittelfalz reichende Satzspiegel. Gerade bei einem Buch zu diesem Thema hätte man sich eine bessere typografische Gestaltung gewünscht. Um abschließend William Morris zu zitieren: »[Ein falsch platzierter Satzspiegel] ist so dumm, als würde sich ein Mann seinen Mantel hinten zuknöpfen oder eine Dame ihren Hut verkehrt herum aufsetzen …«

Hans Eckert
in »Aus dem Antiquariat«, Neue Folge 10 (2012) Nr. 1
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.


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272 Seiten • Fadengehefteter Leinenband

Erschienen 2011 im Verlag Oak Knoll Press, New Castle

Verlagsfrisches Exemplar.

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