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The Kaldewey Press New York: 75 Artist Books



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Catalogue raisonné

Von Gunnar A. Kaldewey & Clemens von Lucius
 

Gunnar Kaldeweys Arbeit überzeugt seit Jahrzehnten: mit leisen Überraschungen und mit Qualität, aber auch mit Quantität. Das wird deutlich, wenn man diesen dicken Band, der den Titel ›Catalogue raisonné‹ trägt, in den Händen hält. Die vielen Künstlerbücher seiner Kaldewey Press New York sind seit Jahrzehnten in Sammlungen auf der ganzen Welt zu finden und konnten in über 100 Einzelausstellungen von vielen einzelnen Menschen gesehen werden. Sie zeigen, was Bücher und Künstlerbücher sein können. Das Besondere ist, dass Kaldewey immer wieder ganz andere Bücher macht, die alle gleichzeitig vieles gemeinsam haben. Sie strahlen Ruhe aus und bergen taktile oder visuelle Details, die man vorher noch nicht in einem Buch gesehen hat, bei denen ich mir schon einmal die Frage stelle, ›Warum eigentlich nicht? Die Geschichte des Buches ist doch lang. Muss erst Gunnar Kaldewey kommen?‹ Tatsächlich waren die ersten Verleger sparsam mit dem damals wertvollen Papier und bedruckten es eng. Die Typografen ab dem 19. Jahrhundert waren bis weit ins 20. Jahrhundert anscheinend so sehr mit der Einhaltung von Proportionen und Traditionen beschäftigt (in allen Künsten), dass sie nie ein Buch als Zusammenspiel aller es erzeugenden Elemente frei gestaltet haben. Gunnar Kaldewey gibt dem Buch und dem Künstlerbuch neue Horizonte, öffnet einen Weg für die Zukunft und verfällt gleichzeitig keinen konzeptuellen Trends, wie viele Künstler ab den 1970er Jahren, die die geschulten Kuratoren von europäischen Museen so gerne gesehen haben, bis sie merkten, dass auch Literatur in Büchern unter Umständen Kunst sein kann und ein Konzept eine Kopie.

Gunnar Kaldewey kennt sich aus mit Literatur und achtet auf die Auswahl von Texten. Er war schon als junger Antiquar vor über 30 Jahren geachtet für seine Kenntnisse und seine Nase für in Deutschland wenig bekannte Autoren aus der ganzen Welt. Er kennt die Geschichte des illustrierten Buchs und die Entstehung des Genres Künstlerbücher aus Originalen und machte sich schon mit seinen sorgfältig gestalteten Antiquariatskatalogen Interessierte zu seinen Sammlern. Clemens v. Lucius, Autor der Katalogtexte, ist ein Connaisseur von Künstlerbüchern. Er beschreibt die 75 Arbeiten der Presse kurz und präzise. Gute fotografische Reproduktionen nehmen den meisten Raum ein und zu jeder Arbeit hat die Fotografin Gesine Hildebrandt, wie heute üblich, einen ›Emoshot‹ gestellt.

Da ist das dreieckige Buch mit Ebenholzspitze, Text von Samuel Beckett, signiert, mit Radierungen und einer gepressten Vinylscheibe mit zeitgenössischer Musik von Bun Ching Lam. Da ist das schmetterlingsförmige Lao Tse Buch; das Buch über einen verbrannten, verschollenen Film in der Filmbox, das Buch über Wolken, aus dem Flugzeug fotografiert, auf Aluminiumseiten gedruckt und in Aluminiumdeckel gebunden, mit Scharnier. Jedes Buch hätte ich hier auswählen können als Beispiel für das Besondere, da jedes Buch Kaldeweys uns sagen kann: alles, was wir als Bücher kennen, ist nur ein kleiner Teil von dem, was Bücher noch sein können, das, ohne modisch oder manieristisch zu wirken. Die meisten Bücher der Kaldewey Press kommen mit recht einfacher Typografie aus und sind gleichzeitig raffiniert gestaltet und aus ausgewählten Materialien – oft auf eigens in der Kaldewey Press New York für dieses Projekt geschöpftem Papier – produziert und von Buchbindemeistern schlicht, aber unkonventionell gebunden. Während wertvolle Materialien in anderen Editionen an Kunsthandwerk erinnern, werden sie hier verwendet wie Materialien in Arbeiten der Arte Povera oder mit einer Sensibilität, die einen an manchmal an Japan erinnert. Die Ergebnisse sind immer Bücher und keine Künstlerstatements. Die Arbeiten der ›Edition‹ Gunnar Kaldewey entstanden in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, wie Not Vital, Richard Tuttle – und immer wieder, über sechzehn Mal mit der Komponistin und Künstlerin Bun Ching Lam, die auch Autorin der chinesischen Kalligrafie in einigen Künstlerbüchern ist.

Der Katalog ist übersichtlich aufgebaut, und so kann man auf den 350 Seiten die Bücher gut kennenlernen und nachlesen, dass Kaldewey schon fünf Künstlerbücher(-manifeste) über Bücher gemacht hat.

Außerdem gibt es einen Appendix mit Namen- und Autorenverzeichnis, einen Teil über die Bindungen und eine Bild- und Textdokumentation über Gunnar Kaldeweys Werkstätten im Bundesstaat New York und über die Historie der Presse. Der flexible Einband und insbesondere der Druck auf gestrichenes Qualitäts- papier PhoeniXmotion machen einen guten Eindruck. Wie bei den meisten Bücher der Kaldewey Editionen gibt es auch von diesem ›Catalogue‹ noch limitierte Editionen des têtes, ›Specialcopies‹ und ›Deluxecopies‹ genannt, die sich nicht durch handsignierte Extradrucke auszeichnen, sondern durch besondere Einbände beziehungsweise Papiere.

Der Katalog ist kein Künstlerbuch, aber eine gute Ergänzung, wenn man ein Werk der Kaldewey Press besitzt. Er eignet sich auch für mögliche Sammler, ebenso wie für Studenten der Book Art Programms der Hochschulen (in den USA bieten es über hundert Colleges an). Das Lesen kann gleichwohl inspirierend wirken und man kann dazu geneigt sein, die Welt der Künstlerbücher entspannter zu sehen und besser einschätzen zu können, wenn man die Kaldewey Press gut kennt. Einfach alles sehen, lesen, lieben, mit Geist und Herz. Was man leicht übersieht, angesichts der vielfältigen Eindrücke: der im Verlag Hermann Schmidt in Mainz erschienene Katalog hat (nur) englische Texte.

Clemens-Tobias Lange
in »Aus dem Antiquariat«, Neue Folge 11 (2013) Nr. 2
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.


364 Seiten, davon 12 aus farbigem Sonderpapier, mit über 500 Abbildungen aller Bücher und Deluxe-Ausgaben der Kaldewey Press und der Edition Kaldewey • Flexcover mit bedrucktem und geprägtem Leinen

Erschienen im Verlag Hermann Schmidt Mainz.

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